Herr Schleinig

19 Tage offline. Die totale Askese.

Tag 1: Seit dem Entschluss sind Minuten vergangen. Ich befrage meinen Verstand. Ist er noch ganz richtig, sowas auch nur in Erwägung zu ziehen? Die Antwort kommt prompt, als ich die Wellen höre, die krachend gegen die Felsen von La Gomera schlagen.
Tag 2: Erste berauschende Bergtour. Leicht verzerrte Mimik. Mit Internet würde ich der Welt an meinen Schmerzen teilhaben lassen. Es wird mir verwehrt. Nicht das selbstauferlegte Verbot zwingt mich zum Schweigen. Meine Entscheidung macht mit dem Telekommunikationsunternehmen gemeinsame Sache. Kein Empfang. Kein Wunder, dass hier im Valle Gran Rey nur Aussteiger leben.
Tag 3: Es ist ein Fingerwisch, es sind Millimeter, die mein Finger den Schalter des Datenroamings bewegen müsste. Dieser Finger tippt an meine Stirn. Arschloch. Und ich habe eine SMS bekommen. Eine SMS!!! Unterdessen beträgt die Länge meiner Augenränder nur noch einen Zentimeter und meine Bartlänge bereits fünf Millimeter.
Tag 4: Ich mache Fortschritte. Der erste Griff am Morgen geht nicht zu Kaffee und Smartfon, Facebook, Spiegel, Twitter. Ich greife nach Kaffee und Buch. Frage mich, ob die Internetwirtschaft gerade Kassensturz macht und ggf. eine Insolvenz in Betracht zieht, angesichts meiner Abwesenheit.
Tag 5: Der Entzug zeigt sich von seiner schrecklichen Seite. Es fühlt sich an wie ein Riss mit einer unendlich tiefen Schlucht, die gefüllt ist mit Leere. Wie pathetisch. Ich denke wirklich über die Rückkehr ins WWW nach. Die afrikanische Sonne schreit mich stattdessen an. Ich kann nicht anders, als ihr zu folgen.
Tag 6: Meine Augenränder sind zurück in ihr Bett gekrochen, während mein Bart weiter wächst. Ein Zentimeter. Ich führe Selbstgespräche in 140-Zeichenlänge und kenne jede Zeile von Springsteen’s Thunder Road. Zudem weiß ich wieder, wo Osten und Westen ist. Fühlt sich gut an.
Tag 7: Fritz Riemann hat mich in seinen Bann gezogen. Er hat mich gelehrt: wir leben in schizoiden Zeiten. Ob er seine Facebook-Freunde vorher befragt hat? Habe zudem entdeckt, dass ich einen normalen Schlafrhythmus entwickeln kann. Bin also noch ganz Mensch.
Tag 8: Habe eine SMS geschrieben. Wusste nicht mehr, wie ich das Programm dafür bedienen sollte. Ich glaube, die Nachricht kam nie an.
Tag 9: Habe wieder das Gefühl der Leere in mir. Finde gerade heraus, wie ich die Füllen kann. Beschäftige mich mit 1.-Welt-Problemen: wenn ich die Weltherrschaft übernehme, werde ich Sandalen, jegliche Art und Form, auf den Mars schießen lassen. Und zack, ein modisches Problem weniger.
Tag 10 bis 19: Wurmloch auf La Palma bis zurück nach Teneriffa. Rückkehr gerade noch so einleiten können, da Wiedereintritt in die alltägliche Realität bevorstand. Derweil zur Überbrückung jedoch Steinschlagslalom auf engen Bergstraßen, Vulkantanzeinlagen, Bikinizonenwaxing, Jacuzzitieftauchen und Betthochburgenklettern.

Fazit: Entgiftung abgeschlossen. Kann wieder Junkmedia zu mir nehmen.

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Dieser Beitrag wurde am November 29, 2014 um 5:34 pm veröffentlicht und ist unter Uncategorized abgelegt. Lesezeichen hinzufügen für Permanentlink. Folge allen Kommentaren hier mit dem RSS-Feed für diesen Beitrag.

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